Charta des Kollektiv Permanente Revolution

Die „Charta des Kollektiv Permanente Revolution“ (abgedruckt in der 1. Nummer der „Permanenten Revolution“) ist eine knapp gefasste Erklärung der prinzipiellen Grundlagen unserer internationalen Strömung.

Für die Vereinigung der Bolschewiki alle Ländern, um zum Aufbau einer revolutionären ArbeiterInneninternationale vorwärts zu schreiten!
Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschlusse bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen. (Karl Marx/Friedrich Engels, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund, März 1850)
Karl Marx (1818 - 1883)

Karl Marx (1818 - 1883)

Sozialismus oder Barbarei
Der Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung der LohnarbeiterInnen durch die Bourgeoisie. Die ArbeiterInnenklasse, die den Großteil des Reichtums produziert, ist zu Armut, unsicherer Existenz und der Infragestellung ihrer Rechte verdammt.
Das Gesetz, wonach eine immer wachsende Masse von Produktionsmitteln, dank dem Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, mit einer progressiv abnehmenden Ausgabe von Menschenkraft in Bewegung gesetzt werden kann – dies Gesetz drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß, je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eignen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichtums oder zur Selbstverwertung des Kapitals. Rascheres Wachstum der Produktionsmittel und der Produktivität der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch also umgekehrt darin aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals. (Karl Marx, Kapital, Band 1, Kapitel 23, Abschnitt 4)


Unter der Herrschaft des Kapitalismus und seines Staates kann technischer Fortschritt nur zu einer wachsenden Ausbeutung, zur Plünderung von natürlichen Ressourcen, zu der Zerstörung der Umwelt und wachsender Rüstungsproduktion führen. Deren Gebrauchswert ist die Zerstörung der Produktivkräfte der Menschheit, wie einmal mehr die Bombardierung, Invasion und Besetzung des Irak durch das wirtschaftlich und wissenschaftlich am höchsten entwickelte Land des Planeten demonstriert.
Der Krieg, der im Irak von den Truppen des US-amerikanischen, britischen und australischen Imperialismus und einiger ihrer Lakaien geführt wird, die Besetzung Palästinas durch die zionistische Armee oder die französische militärische Intervention in der Elfenbeinküste sind Beispiel für die Barbarei, in die der Kapitalismus die Menschheit führt.
Die Wurzeln der derzeitigen Führungslosigkeit der ArbeiterInnenklasse
Solche Angriffe werden durch die vorhergehende Niederlagen des Weltproletariats und der unterdrückten Länder erleichtert: die Restauration des Kapitalismus in Russland und in den meisten der ehemaligen bürokratischen ArbeiterInnenstaaten, militärische Interventionen des Imperialismus im Irak, Serbien und Afghanistan. Sie wurden erst durch die Passivität und die Komplizenschaft der ArbeiterInnenorganisationen möglich, die versuchten, die Klassengegensätze zwischen Ausgebeuteten und AusbeuterInnen und deren Instrument, dem bürgerlichen Staat, herunterzuspielen. Diese Organisationen waren von den ArbeiterInnen gegründet worden, um die Ausbeutung zu begrenzen oder gar zu beseitigen.
Die Arbeiter sind eine derartige überwältigende Mehrheit und ihre Stärke wird so viele Male mit ihrer strategischen Stellung im Produktionsprozess multipliziert, dass, wenn sie vereinigt werden, um bewusst für ihre eigenen Interessen zu kämpfen, ihr Sieg über die Bourgeoisie ein bloßes vorbei stoßen sein würde. Aber sie sind nicht vereinigt, nicht Klassen bewusst! Der Grund dafür ist der Einfluss der bürgerlichen Ideologie auf die ArbeiterInnen. Dieser Einfluss auf die ArbeiterInnen funktioniert auf verschiedene Weisen, aber seine direktesten Repräsentantin ist die Arbeiterbürokratie. (James P. Cannon, Massenarbeit und Fraktionskampf, 1953.)
Folglich waren der Staatsstreich von Pinochet 1973, die Niederlage der MinenarbeiterInnen in Britannien 1985 oder die imperialistischen Kriege gegen den Irak 1991 und 2003 nicht vom Schicksal bestimmt. Sie resultieren aus der Politik, die durch die Führung der ArbeiterInnenbewegung, den Bürokratien der traditionellen Parteien und der Gewerkschaften, verfolgt wurde.
Die materielle Wurzel dieser Unterwürfigkeit der gegenwärtigen Führung der ArbeiterInnenklasse ist die Korrumpierung der Führung der Organisationen, die von der ArbeiterInnenklasse geschaffen wurden, durch die herrschende Klasse.
Auf der genannten ökonomischen Grundlage haben die politischen Institutionen des modernen Kapitalismus: die Presse, das Parlament, die Verbände, die Kongresse usw. politische Privilegien und Abfindungen erzeugt, die den wirtschaftlichen Privilegien und Zugeständnissen für die ehrwürdigen, friedlichen, reformistischen und patriotischen Beamten und Arbeiter entsprechen. Bequeme und ruhige Einnahmestellen im Ministerium oder im Kriegsindustrie-Ausschuß, im Parlament und in den verschiedenen Kommissionen, in den Redaktionen der „soliden“ legalen Zeitungen oder den Ämtern der ebenso soliden und „bürgerlich friedlichen“ Gewerkschaften – damit lockt und belohnt die imperialistische Bourgeoisie die Vertreter und Anhänger der „bürgerlichen Arbeiterparteien“. (W.I. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung im Sozialismus, 1916).
Während des letzten Jahrhunderts hat sich die Fäulnis der Führung [der ArbeiterInnenklasse] und die Integration der Bürokratien [in den bürgerlichen Herrschaftsapparat] stark vertieft. Infolgedessen lehnen heute die AgentInnen der Bourgeoisie in der ArbeiterInnenklasse die Unterstützung für den nationalen Befreiungskampf in Palästina, im Irak oder in Tschetschenien ab; sie halten die Arbeitslosen und die MigrantInnen isoliert, helfen zuverlässig den Kapitalismus zu verwalten (alleine machen sie das in den Regierungen in Britannien, im Spanischen Staat oder mit Hilfe [rein] bürgerlicher Parteien in Deutschland oder Brasilien) und schützen den bürgerlichen Staat, wenn er durch Aufstände bedroht wird (mittels gegenseitigen Waffenstillstand oder provisorische Lösungen), sie verwalten Unternehmen mit und nehmen an der Durchsetzung von Beschäftigungsvorgaben oder Sozialabbau teil, verhindern Generalstreiks (mittels Aufspaltung der Betroffenen und „Kampftagen“ bzw. Aktionstagen), stützen ihre eigene Bourgeoisie, ihre Regierung und die UNO und verursachen den Unmut zu kanalisieren und abzutöten (Verteidigung von Staatsinteressen, schüren von Illusionen in Wahlen und den Parlamentarismus, Pazifismus, die „Weltsozialforen“,…).
Außerdem hat die Preisgabe jeglichen Bezugs auf den Sozialismus und proletarischen Internationalismus der ArbeiterInnenbewegung der imperialistischen Ländern, der Zusammenbruch der UdSSR und die Rückschläge für die weltweite ArbeiterInnenklasse insgesamt, dem Kleinbürgertum und der bürgerlich-nationalistischen Führung, besonders ihrem reaktionärsten Flügel, den klerikalen FanatikerInnen, wieder Auftrieb gebracht.
Mehr als einmal haben IslamistInnen Unterstützungstruppen für Staatsstreich und reaktionäre Kriege, die vom US-Imperialismus geführt wurden, aufgestellt: Iran 1953, Indonesien 1965, Afghanistan 1979, Algerien 1992. Als zuverlässige VerteidigerInnen des Privateigentums und des Patriarchats, als Unterdrücker der ArbeiterInnen, der Frauen und der Jugend, als Stoßtruppen gegen ArbeiterInnenmilitanz, bieten die politischen Netzwerke der von Saudi-Arabien und dem Irak finanzierten Mullahs politisch nur Druck auf die imperialistischen Mächte an, eine Orientierung, die sie als Strategie ausgeben. Sie verüben zumeist Selbstmordattentate, doch nicht durch Geistliche, sondern durch radikale junge Menschen, deren revolutionäres Potential sie fürchten und so ihren Tod unterstützen. Solche terroristischen Attacken wenden sich häufig direkt gegen ArbeiterInnen, dies ist übereinstimmend mit dem sozialen Charakter – KapitalistInnen mit großen feudalen Anlagen – jener Tendenzen.
Die ArbeiterInnenklasse benötigt eine neue Partei, eine revolutionäre Weltpartei!
Der zweite Krieg gegen den Irak stellte offen die Rivalitäten zwischen den Imperialismen bloß, deren Ziel die Neuaufteilung der Welt, die Versklavung der Länder der ehemaligen UdSSR, das Plündern der weltweiten Ressourcen und der gesellschaftlichen Arbeit aller Ausgebeuteten sind (und immer mehr wird). Die Restauration des Kapitalismus in Rußland und der militärische Sieg der USA gegen Saddam Husseins Armee haben weder die derzeitige Weltordnung, noch die Vorherrschaft der USA über den europäischen und japanischen Imperialismus gefestigt.
In der Tat zeigen zahlreiche lokale und regionale Wirtschaftskrisen, regionale oder weltweite Rezessionen, die Verstärkung der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise. Gleich, ob es keynesianische oder liberale Modelle sind, die als Medizin zur Verlängerung der Vorherrschaft des Kapitalismus eingesetzt werden – sie können nichts anderes als eine Weltwirtschaftskrise vorbereiten, die das unvermeidliches Resultat der Fäulnis der gesamten kapitalistischen Produktionsweise ist.
Jede Bourgeoisie versucht, das Auftreten [dieser Krise] hinauszuschieben und ihren Konsequenzen auf Kosten ihrer Rivalen und vor allem ihrer eigenen ArbeiterInnenklasse zu entgehen. Unter diesen Bedingungen erfordert der Kampf für die Emanzipation der ArbeiterInnen den Kampf gegen die jeweils eigene Bourgeoisie, inklusive dem Kampf für den Bruch der ArbeiterInnenorganisationen, vor allem der Gewerkschaften, aber auch der StudentInnen- und Bauernorganisationen, mit der bürgerlichen Regierung, egal ob reformistische Parteien in ihr vertreten sind oder nicht.
Zur Beendigung von Kriegen und dem Aufblühen der Menschheit, für die Beseitigung von Ausbeutung, nationaler Unterdrückung, Frauenunterdrückung und Rassismus, muss der Imperialismus verschwinden. Nur die ArbeiterInnenklasse, die sich an die Spitze der Mobilisierungen aller Unterdrückten, hat die Kraft die Bourgeoisie hinwegzufegen und die weltweite sozialistische Revolution zu verwirklichen.
Der Klassenkampf im Innern der bürgerlichen Staaten gegen die herrschenden Klassen und die internationale Solidarität der Proletarier aller Länder sind zwei unzertrennliche Lebensregeln der Arbeiterklasse in ihrem welthistorischen Befreiungskampfe. (Rosa Luxemburg, Entwurf zu den Junius-Thesen, 1915)
Anstatt die Differenzen innerhalb ihrer eigenen und den Teilen der Weltbourgeoisie auszunutzen, sieht sich das Proletariat durch die reformistischen stalinistischen oder sozialdemokratischen Parteien, die Gewerkschaftsbürokratie und ihren linken Flügel oder den degenerierten Resten der verblichenen IV. Internationale der einen oder anderen Fraktion der Bourgeoisie untergeordnet.
Die Denunzierung der verräterischen Politik der alten Führung muss mit der Kampf für die Mobilisierung der Massen, für ihre Selbstorganisierung, verbunden werden. Nur ihre revolutionäre Bewegung wird die Bourgeoisie besiegen, wird ihren Staat zerschlagen und zum Sozialismus vorwärts schreiten. Damit jedoch der Klassenkampf erfolgreich sein kann und zu Aufständen und der Machtergreifung führt, benötigt das Proletariat eine neue Führung: die Avantgarde der bewusstesten ArbeiterInnen muss dafür umgruppiert werden. Es ist notwendig, eine Partei bolschewistischen Typs zu errichten. Die revolutionäre ArbeiterInnenpartei kann aufgrund des internationalen Charakters, den der Klassenkampf angenommen hat, seit der Kapitalismus die Welt beherrscht, nur eine Weltpartei sein.
Die Emanzipation des Proletariats kann nur eine internationale Tat sein. (Friedrich Engels, Brief an Paul Lafargue, 1893)
Daraus lässt sich ableiten, dass der so genannte „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ eine reaktionäre Utopie war und ist, besonders in den ökonomisch rückständigen Ländern wie Russland, China, Albanien und Kuba:
Der Abschluß einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache für die Krisis der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, daß die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperialistischen Kriege, andererseits die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: sie findet ihren Abschluß nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten. (L. Trotzki, Was ist die Permanente Revolution? Grundsätze, 1928.)
Der Zusammenbruch der IV. Internationale ist unumkehrbar geworden
Der Aufbau einer neuen Führung, einer revolutionären ArbeiterInneninternationale, ist die Zielsetzung des Kollektivs, welches das Magazin Permanent Revolution publiziert. Die neue Internationale wird die Erfahrungen der vorangegangenen vier Internationalen des Proletariats wieder beleben: der Bund der Kommunisten, die Internationale Arbeiter-Assoziation, die Arbeiterinternationale, die Kommunistische Internationale, die IV. Internationale. Was auch immer ihr Name sein wird, sie wird die Fünfte ArbeiterInneninternationale sein.
Die Arbeiterinternationale (Zweite Internationale) brach 1914 zusammen: Der Großteil ihrer Mitgliederorganisationen unterstützte „ihre“ Bourgeoisie im innerimperialistischen Gemetzel des ersten imperialistischen Weltkrieges. Die Kommunistische Internationale (Dritte Internationale) verließ ein für allemal den revolutionären Weg im Jahr 1933, als sie ein Instrument der usurpatorischen Bürokratie in der UdSSR gegen die Weltrevolution wurde – wie die Rolle des Stalinismus in der Niederlage der Spanischen Revolution demonstrierte. Es war die Zeit, als Leo Trotzki und einige andere KommunistInnen den Aufbau einer neuen Internationale begannen, die 1938 gegründet wurde.
Niemals bisher hat eine revolutionäre Organisation siebzig Jahre überlebt. Die Vierte Internationale ist keine Ausnahme, selbst wenn viele kleine Bewegungen fälschlicherweise vorzutäuschen versuchen, sie würden die Kontinuität darstellen und andere Dutzende Gruppen großsprecherisch behaupten, sie würden sie „wieder aufbauen“, sie „erneuern“, sie „neu gründen“, sie „umbauen“ oder ähnliches. Fünfzig Jahre nach der Zerstörung der Vierten Internationalen durch ihre eigene Führung, sind solche Perspektiven null und nichtig. Bereits 1949 haben Michel Pablo und Ernest Mandel, fehlgeleitet durch das kapitalistische Wachstum und durch die Enteignung des Kapitals, die unter der Anleitung der stalinistischen Parteien durchgeführt worden war, enttäuscht von der Unfähigkeit der Vierten Internationalen, die Führung der Massen sofort zu erlangen, begonnen, sich an andere sozialen Kräften anzupassen und nach Alternativen zum proletarischen Kampf und dem Aufbau revolutionärer ArbeiterInnenparteien zu suchen.
Der dritte „Weltkongress“, der 1951 tagte, änderte das Programm in Bezug auf die Rolle der Kreml-Bürokratie. Er proklamierte, dass es notwendig sei, die stalinistische Bürokratie zu reformieren und nicht mehr zu besiegen (mit verhängnisvollen Konsequenzen für die politischen Revolutionen in Ostdeutschland 1953 und in Ungarn 1956). Auf diesem Kongress belebte Pablo auch die „Antiimperialistische Einheitsfront“ wieder, um seine Unterordnung unter bürgerlich-nationalistische Bewegungen zu verdecken (mit verhängnisvollen Konsequenzen für die bolivianischen Revolution 1952).
Die trotzkistische Weltorganisation überlebte diese Krise nicht: obgleich einige Sektionen der Vierten Internationalen versuchten, zwischen 1951 und 1953 dieser politischen Orientierung zu widerstehen, stürzten schließlich alle in den Opportunismus hinab und verschwanden als revolutionäre Organisationen.
Wenig verwunderlich, denn es gibt keinen Platz zwischen Sozialpatriotismus und Marxismus. In den imperialistischen Ländern wurde die so genannte trotzkistische Bewegung linksreformistisch, gleich ob außer- oder innerhalb der stalinistischen, Labour oder sozialdemokratischen Parteien; in kolonialen Ländern bildete sie den linken Flügel des Nationalismus.
Das Banner der IV. Internationalen wurde tausende Male durch die Weigerung, die ArbeiterInnenstaaten gegen den Imperialismus zu verteidigen, durch die Unterstützung von Repressionen der herrschenden Klasse gegen das Proletariat, durch die Zustimmung zu imperialistischen Interventionen, durch die Anerkennung des zionistischen Kolonialismus, durch die Unterstützung von Forderungen von PolizistInnen, durch Aufrufe für bürgerliche KandidatInnen zu stimmen, durch die Erklärung konterrevolutionärer Parteien (StalinistInnen, SozialdemokratInnen oder NationalistInnen) für sozialistisch oder gar revolutionär, durch die Zustimmung zu Koalitionen mit RepräsentantInnen des Bürgertums, durch Unterstützung und sogar direkte Teilnahme an bürgerlichen Regierungen (Algerien, Sri Lanka, Brasilien), durch Unterordnung unter die „Antiglobalisierungs-“ oder „Andere-Globalisierungs“-Bewegung, durch Zusammenarbeit mit IslamistInnen, etc. zerrissen und beschmutzt.
Revolutionäre KommunistInnen aller Länder, vereinigt euch!
Um die Lehren aus diesem Verrat zu ziehen und diese usurpatorische Politik aufzuzeigen veröffentlichen wir Permanent Revolution.
Unser internationales Kollektiv wurde auf einem internationalen Treffen in Buenos Aires im Dezember 2002, ein Jahr nach der revolutionären Krise, in der die argentinischen Massen die gewählte bürgerliche Regierung wegfegten, gegründet. Die handvoll revolutionärer Organisationen, die dort zusammen trafen, kamen aus den unterschiedlichsten Traditionen: dem pablistischen Vereinigten Sekretariat und der morenistischen LIT (GOI aus Chile und LOI-DO aus Argentinien), LCRI und CEMICOR (Communist Workers Group aus Neuseeland und Lucha Marxista aus Peru), dem Internationale Komitee von 1953 und dem Organisationskomitee für den Wiederaufbau der IV. Internationale (CORQUI) (die Groupe Bolchevik aus Frankreich). Doch alle diese Organisationen vereinte die Zurückweisung der „Antiimperialistischen Einheitsfront“, die von all ihren Herkunftsströmungen geteilt wurde. Sie alle wollten die Strategie der Permanenten Revolution wieder beleben und behaupteten, ein gemeinsames revolutionäres Zentrum errichten zu wollen.
Infolgedessen veröffentlichte das Kollektiv eine Erklärung gegen die Vorbereitung einer imperialistischen Intervention im Irak, einen Aufruf für eine internationale Konferenz in 21 Punkten und eine Erklärung zur bolivianischen Revolution. Dank dieser Tätigkeit fing das Kollektiv an, andere Organisationen oder Strömungen in Brasilien, Bolivien, Chile, dem Spanischen Staat, Frankreich, Peru, Kolumbien oder Australien anzuziehen. Die Dynamik der Diskussionen sowohl zu Erklärungen zu internationalen Ereignissen wie zu den 21 Punkten, die zwischen den Gruppen entstand, öffnete dann die Perspektive, einen kleinen, aber internationaler Rahmen auf prinzipieller Grundlage und in Abgrenzung zum selbstproklamatorischen Sektierertum, zu schaffen.
Aber die Führung der argentinischen LOI und der FTI war unfähig, dem Caudillismus, dem politischen Manövrieren und dem Nationalismus, den sie vom Pablismus morenistischer Prägung geerbt hatte, zu widerstehen. Nahuel Moreno war prinzipienloser argentinischer Abenteurer, der zuerst vor dem Peronismus und danach vor dem Castrismus kapituliert hatte.
Getreu dem Konzept einer „Leitpartei“, das sie von der argentinischen MAS der 1980er Jahre übernommen hatte, erwies sich die LOI-Führung als unfähig, in einer loyalen und freien Diskussion Kritik bezüglich ihrer Annäherung von Volksfront und Einheitsfront, ihrer Konfusion zwischen ArbeiterInnenaristokratie und ArbeiterInnenbürokratie, ihrer Anpassung an den lateinamerikanischen Nationalismus, ihrer Unterstützung für die „Aktionstage“ der Gewerkschaftsapparate und ihren Opportunismus gegenüber dem Islamismus hinzunehmen. Die Ablehnung dieser Kritik führte sie dazu, dass Kollektiv zu spalten und, um sich vor ihren eigenen Mitgliedern zu rechtfertigen, die eigenen Positionen zu verstecken und jene der Partner von gestern verfälscht darzustellen. Zunächst versuchte die morenistische Führung der LOI, die peruanische Gruppe zu zerstören, indem sie sich auf ein unzufriedenes Mitglied der Gruppe in Lima stützte und Lucha Marxista als „stalinistisch“ und „polpotistisch“ verleumdete.
Angesichts des Widerstands innerhalb des Kollektivs versuchte sie im Frühjahr 2004 das Internationale Kollektiv zu liquidieren, indem sie alle Arten von Vorwänden, Erpressungen und Lügen benutzte. So führte die LOI-Leitung einen harten Schlag gegen einen Prozess, der auf ihrem eigenen Kongress im Dezember 2002, als die LOI die größte Organisation im Kollektiv war, begonnen wurde. Der tatsächliche Grund der Spaltung wurde rasch klar: Die LOI wies die 21 Punkte zurück und schuf ein „Verbindungskomitee“ ohne Programm und ohne Perspektiven.
Diese traurige Episode zeigt, dass, im Kontext eines Zurückflutens der weltweiten ArbeiterInnenklasse, der Prozess der Bekräftigung des Bolschewismus keine einfache Sache ist. Dennoch dürfen die überzeugten RevolutionärInnen nicht den geduldigen Aufbau von internationalen Kontakten, mit dem Ziel des Aufbaus einer Weltpartei, einer revolutionären ArbeiterInneninternationale, aufgeben.
In unserem Zeitalter, welches ein Zeitalter des Imperialismus, d.h. der Weltwirtschaft und der Weltpolitik ist, welche durch das Finanzkapital beherrscht werden, vermag keine einzige nationale Sektion ihr Programm lediglich, oder auch nur vorwiegend aus den Bedingungen und Tendenzen der nationalen Entwicklung heraus aufzubauen. (Leo Trotzki, Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale, 1929, in: Die Dritten Internationalen nach Lenin.)
Die bolschewistischen Kerne sind heute numerisch schwach und die vor ihnen liegenden Aufgaben riesig, aber sie sind überzeugt von der sprunghaften Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats und ihrer eigenen Intervention, die sich auf die bisherigen Erfahrungen des Klassenkampfes stützt, die in den programmatischen Dokumenten des Bundes der Kommunisten von Karl Marx und Friedrich Engels, der Kommunistischen Internationale in der Zeit von Lenin und der Vierten Internationalen in den Tagen Leo Trotzkis zusammengefasst sind.
Die 21 Punkte des CoReP beabsichtigten, diese Kontinuität für die Gegenwart dialektisch zu konkretisieren. Sie sind ein Werkzeug für die Abgrenzung vom Opportunismus und vom Zentrismus. Folglich mussten die programmatischen Elemente in diesen 21 Punkten vertieft werden. Insbesondere muss präzisiert werden, dass die Vierte Internationale seit langem tot ist, dass jede Kapitulation vor dem Islamismus zurückgewiesen werden muss.
Wir rufen die ArbeiterInnen und Jugendlichen der internationalen ArbeiterInnenvorhut sowie die revolutionären internationalistischen ArbeiterInnenorganisationen auf, dieser Einladung zur Diskussion zu folgen und eine internationale und prinzipielle Vereinigung vorzubereiten!
Das ist die Funktion von Permanenten Revolution: die Diskussion, die gemeinsame Arbeit und die Fusion von InternationalistInnen zu fördern, die Intervention in die Klassenkämpfe voranzutreiben und so das Programm lebendig zu halten und in allen Ländern Organisationen in Abgrenzung zu den ReformistInnen und ZentristInnen aufzubauen.
Diese marxistischen Elemente – sollten sie auch zu Anfang zahlenmäßig noch so schwach sein – zusammenzuschließen, in ihrem Namen an die heute in Vergessenheit geratenen Lehren des revolutionären Sozialismus zu erinnern, an die Arbeiter aller Länder die Aufförderung zu richtet, mit den Chauvinisten zu brechen und sich unter dem alten Banner des Marxismus zu sammeln – das ist die Aufgabe des Tages. (V.I. Lenin, Sozialismus und Krieg, 1915.)

Kollektiv Permanente Revolution, 7. November 2004